Die Nerven lagen blank

Montagmorgen, der 26. September. Ich quälte mich mühsam aus dem Bett um mich schnell fertig zu machen. Warum ist das montags nur immer so schwer?

Als ich um kurz vor halb 8 aus dem Bad kam, rief Claire mir von der Treppe zu, dass Ella krank sei und nicht zur Schule gehen könne. Folglich konnte ich mir mehr Zeit lassen, räumte noch mal schnell mein Zimmer auf, packte meine Schulsachen zusammen und frühstückte gemütlich.

Anna holte mich zur Schule ab. Sie parkte immer in meiner Straße, weil das Parken im Stadtkern selbst zu teuer war und wir die nächstgelegene Straße mit kostenloser Parkgelegenheit war. Wir liefen also zusammen zur Schule und quatschten auf dem Weg dorthin über alles Mögliche.

 

Obwohl wir uns erst seit einer Woche kannten, waren wir uns schnell sehr vertraut und kamen so gut miteinander klar, als wären wir schon mindestens ein halbes Jahr befreundet. Umso mehr beunruhigte es mich, als sie erzählte, dass sie sich in ihrer Hostfamily überhaupt nicht wohlfühlte und am liebsten wechseln würde.

Gleich nach der Schule fragte ich Claire, ob sie nicht jemanden kannte, der ungefähr ab sofort ein neues Au Pair brauchte, aber leider konnte sie uns nicht helfen.

 

  Am nächsten Morgen war Ella noch immer krank und so saß ich für heute zu Hause fest. Kein Walk mit Teija, nicht Madeleine und Anna zum Lunch treffen, nur klein Ella hüten. Glücklicherweise konnte ich Maddy und Anna aber überreden, zu mir zu kommen und so saßen wir nachmittags zu dritt in meinem Zimmer und berieten, was wir für Anna tun könnten. Ihr Mut und ihre Motivation, es noch einmal mit einer anderen Familie zu versuchen, waren verschwunden. Ich war sehr enttäuscht und vor allem sehr traurig. Gerade hatte ich das Gefühl, eine echte Freundin hier gefunden zu haben, da verabschiedete sie sich quasi wieder.

In eineinhalb Wochen würde Anna von ihrer Freundin abgeholt werden. Bis dahin würde sie noch in ihrer Familie bleiben und normal weiterarbeiten, bis zum 6. Oktober.

Heute Abend ging es mir dann nicht mehr so gut. Ich war irgendwie fertig. Wegen Anna, wegen Ella, wegen einfach den ganzen Tag im Haus festsitzen.

Als ich für das Abendessen die Möhren schnitt, rollten mir dann plötzlich Tränen über die Wangen. Glücklicherweise kam JP gerade nach Hause und so konnte ich Ella und Georgie verlassen und mich ein bisschen auf mich selbst konzentrieren, in dem ich mit Teija noch mal aufs Plain Field ging.

Es war gerade die Zeit in der die Sonne ihre letzte Ehrenrunde drehte und so entspannte ich mit Teija auf der Wiese, während wir einen wunderschönen Sonnenuntergang anschauten. Nach einer halben Stunde ging es mir dann zum Glück wieder besser. Gut, dass ich Teija habe!!

 

Am Donnerstag ging Ella wieder zur Schule, endlich! Das war wirklich eine Zerreißprobe gewesen, doch so ist es besser für uns beide, wenn wir nicht den ganzen Tag aufeinander hocken.

 

Um Teija für die letzten Tage zu entschädigen, schlug ich heute Morgen einen 1 ½ stündigen Gang zum Plain Field ein, den wir beide sehr genossen.

Nachmittags traf ich mich mit Lea. Wir kochten zusammen und wanderten anschließend mit Teija zum Verulamium Park. Da das Wetter einfach klasse war, verbrachten wir eine lange Zeit draußen und kehrten nach drei Stunden wieder nach Hause zurück. Das war mal ein super Tag gewesen!

 

Als ich um halb 8 in mein Zimmer ging, um mich mal kurz hinzulegen, warf ich kurz einen Blick auf mein Handy. Erschrocken und erstaunt las ich, dass ich 11 unbeantwortete Anrufe und eine SMS von Anna hatte. Schnell rief ich sie zurück und sie berichtete mir, den Tränen nahe, dass sie sofort aus der Familie raus wolle. Ohne ein Wort des Abschieds von wegen „Wir holen mal Sohn Nummer zwei ab!“, „Wir sind jetzt weg.“ oder „Wir essen wo anders, du machst dir dann selbst was?“ hatte sich ihre Hostmum mit dem einen Sohn aus dem Staub gemacht.

Der ganze Ärger und die ganzen Probleme, die Anna mit ihrer Hostfamilie hatte, waren plötzlich wieder ganz unmittelbar vor ihr und sie hatte sich entschieden.

 

Glücklicherweise erklärte sich Claire bereit, Anna mit mir abzuholen und dass sie diese Nacht bei mir schlafen könnte. Als wir an Annas Haus ankamen, war ihre Hostfamilie noch immer nicht wieder da und so schleppten wir Taschen, Koffer und Tüten ins Auto. Es fühlte sich irgendwo echt verboten an, beinahe kriminell, bei Nacht und Nebel Anna aus ihrem „Gefängnis“ zu befreien. Aber irgendwo auch gut, da sie wieder etwas glücklicher und vor allem erleichtert schien.

 

Heute Nacht schliefen wir beide erst spät ein, obwohl wir doch sehr geschafft vom Tag waren.

 

Für die nächsten Nächte, bis Anna dann abgeholt werden würde, zog sie bei Madeleine ein.

Die letzten Tage verbrachten wir drei relativ oft zusammen. Am Tag vor Annas Abreise gingen wir Mädels noch ins Farmer’s Boy um Sandwiches zu futtern und auf die gemeinsame Zeit anzustoßen.

  Am Donnerstagmorgen war es dann so weit, zusammen mit Teija ging ich zu Madeleines Haus und wir vier warteten, bis Annas Freundin und deren Freund da waren. Nach mehreren Umarmungen endete Annas Abenteuer als Au Pair. Maddy und ich winkten dem Auto noch hinter her, doch schon nach ein paar Metern war es um die Ecke gebogen und nun waren wir nur noch zu dritt da. Teija war natürlich schon meine beste Freundin hier, aber ich würde auf eine menschliche brauchen.

 

Inständig hoffte ich, dass Maddy mir auch eine gute Freundin werden würde, jetzt wo Anna auf dem Nachhauseweg war.

 

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